Mit einer bewegenden Eröffnungsveranstaltung wurde die Sonderausstellung „Ermordet in Grafeneck, Hartheim und Pirna-Sonnenstein – Die Opfer der ,Aktion T4‘ aus Bayern“ im Markgrafenmuseum Ansbach eröffnet. Sie erinnert an mehr als 7.600 Patientinnen und Patienten aus bayerischen Heil- und Pflegeanstalten, die 1940 und 1941 im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde getötet wurden.
Bezirksrat Hans Popp und Ansbachs Oberbürgermeister Thomas Deffner begrüßten die Gäste. Hinter den nüchternen Opferzahlen, so der Tenor der Eröffnung, stehen einzelne Menschen mit Familien, Berufen, Hoffnungen und einer eigenen Geschichte – Menschen, die ausgegrenzt, entrechtet und schließlich ermordet wurden. Dr. Matthias Keilen, Vorstand der Bezirkskliniken Mittelfranken, erinnerte an die besondere Verantwortung heutiger psychiatrischer Einrichtungen, sich der Geschichte ihrer Vorgängerinstitutionen zu stellen. Die historische Aufarbeitung müsse zugleich den Blick für einen respektvollen und menschenwürdigen Umgang in der Gegenwart schärfen. Katrin Kasparek von der Bezirksheimatpflege des Bezirks Mittelfranken führte in die Ausstellung ein, bevor Nikolaus Braun, Leiter des Bezirksarchivs Oberbayern, die Umsetzung, Logistik und Folgen der „Aktion T4“ in Bayern historisch einordnete.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen 14 Menschen aus allen sieben bayerischen Bezirken. Großformatige Porträts, Familienfotografien, Briefe, Krankenakten und amtliche Dokumente lassen ihre Lebensgeschichten hervortreten. Gerade der Gegensatz zwischen persönlichen Erinnerungsstücken und nüchternen Transportlisten, Verlegungsmitteilungen oder gefälschten Sterbeurkunden macht die Ausstellung eindringlich. Aus anonymisierten „Fällen“ werden wieder Menschen mit Namen und Gesicht.
Für Ansbach besitzt die Ausstellung einen unmittelbaren regionalen Bezug. Mit Margaretha Escherich, Oswald Feis und Anna Kurz werden drei Menschen vorgestellt, deren Lebens- und Verfolgungswege mit der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Ansbach verbunden waren. Alle drei wurden 1940 ins österreichische Hartheim deportiert und dort ermordet.
Eine Besonderheit der Ansbacher Präsentation ist die erstmals öffentlich gezeigte Hörstation „DER KOFFER – Die Geschichte von Anna Kurz zum Hören und Entdecken“. Sie erzählt die Geschichte von Anna Kurz und ihrer Familie. Jahrzehntelang war nur bekannt, dass sie 1940 in Hartheim an „Herzschlag“ gestorben sei. Erst viele Jahre später erfuhren ihre Nachkommen, dass sie Opfer der „Aktion T4“ wurde. Stimmen, Dokumente und persönliche Erinnerungen machen erfahrbar, wie Verschleierung und Schweigen bis in die nachfolgenden Generationen wirken.
Die Ausstellung schafft einen Ort des Erinnerns und gibt den Ermordeten ihren Platz im öffentlichen Gedächtnis zurück. Sie ist noch bis 1. November im Markgrafenmuseum Ansbach zu sehen (Di-So 10-17 Uhr).
Zusätzlich gibt es ein Begleitprogramm und kostenfreie Vermittlungsangebote. Am 20. September findet um 14 Uhr eine Führung durch die Ausstellung statt. Am 8. Oktober um 19 Uhr spricht Matthias Honold, Leiter des Zentralarchivs von Diakoneo in Neuendettelsau, über die Diakonissenanstalt Neuendettelsau und ihre Verstrickung in die NS-„Euthanasie“. Eine Führung zu den Gedenkorten im Bezirksklinikum Ansbach am 25. Oktober um 14 Uhr verbindet regionale Spurensuche mit einem gemeinsamen Gedenken an die Opfer. Am 29. Oktober um 19 Uhr folgt unter dem Titel „Weil es etwas mit uns macht …“ ein Gesprächsabend mit Angehörigen von Opfern der NS-„Euthanasie“.
Für Gruppen sind kostenfreie Vermittlungsangebote buchbar. Ein etwa einstündiger Rundgang durch die Ausstellung kann dienstags bis sonntags zwischen 10 und 17 Uhr unter 0151 4635 4616 oder per E-Mail an ns-forschung@bezirk-mittelfranken.de vereinbart werden. Ein zweieinhalbstündiger Rundgang mit Workshop wird an ausgewählten Terminen im September und Oktober angeboten; Buchungen sind unter 0911 8100740 oder info@dokupaed.de möglich.
Ein lange verschwiegenes Verbrechen