DER KOFFER
Eine Hörgeschichte in 13 Teilen (ca. 27 Minuten)
Hören Sie hier die Geschichte von Anna Kurz.
Wenn Sie möchten, können Sie den gesprochenen Text mitlesen.
1. Einleitung (5:56 Minuten)
Hallo. Schön, dass du da bist.
Schön, dass du dich für den Koffer interessierst.
Wahrscheinlich weißt du schon,
dass er keine leichte Geschichte beinhaltet.
Sondern eine,
die von Unrecht und Ausgrenzung erzählt.
Von Krankheit – und auch von Mord.
Aber gleichzeitig ist es auch die Geschichte
einer ganz unglaublichen Entdeckung.
Einer Entdeckung, mit der niemand gerechnet hat
nach so vielen Jahren des Schweigens.
Wenn Du bereit bist, mach den Koffer auf.
Das ist Ernst Bayerlein. Mit SEINEM Koffer.
Das Foto ist Anfang 2026 entstanden,
vor seinem Haus in Kalchreuth.
Das ist in der Nähe von Nürnberg.
SEIN Koffer
war der Ausgangspunkt für diese Geschichte.
Denn IN diesem Koffer
wurde seine Familiengeschichte aufbewahrt
und er hat sie uns erzählt.
Nimm die Lasche
und blättere die Ebene nach oben um.
Das ist Ernsts Mutter: Helene.
Links auf dem Bild ist sie 17.
Und rechts ist sie dann fast 60.
Leider ist sie schon gestorben
und wir können sie nichts mehr fragen.
Helene hat den zweiten Weltkrieg erlebt.
Und das Einzige,
was Helene bei Kriegsende noch hatte,
war ein Rucksack und DER KOFFER.
Und ihre 3 Kinder.
Ihr Mann Georg war im Krieg gefallen,
ihre Wohnung in Nürnberg war zerstört.
Und Helene war mit ihren Kindern und dem Koffer
in einem sogenannten „Behelfsheim“
in Kalchreuth gelandet,
wo sie bis zu ihrem Tod 1978 lebte.
In dem Koffer war alles drin, was ihr wichtig war.
Ernst hat als Kind gern in dem Koffer gestöbert
und sich die Sachen angeguckt,
die da so drin waren.
Er hatte ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter,
ein sehr enges.
Bis zu ihrem Tod.
Aber dass sie in dem Koffer
auch ein Familiengeheimnis verwahrt hat,
von dem er nichts wusste,
damit hat er nicht gerechnet.
Das hat ihn ganz schön getroffen.
Es geht dabei um seine Großmutter Anna.
Also um die Mutter von seiner Mutter Helene.
Nimm die Lasche
und blättere auch diese Ebene nach oben um.
Im Koffer waren sehr viele Fotos,
Urkunden und andere Dokumente.
Aber nur zwei davon,
die etwas über Anna,
die Großmutter von Ernst, erzählen:
Dieses Hochzeitsfoto und diese Sterbeurkunde.
Wie wirkt sie so auf dich,
in ihrem dunklen Festtagskleid und dem weißen Schleier,
neben ihrem Bräutigam in seinem Sonntagsanzug
mit polierten Schuhen und weißen Handschuhen?
Ernst wusste,
dass sie am Nürnberger Südfriedhof beerdigt war,
weil dort ihr Name
auf dem Grabstein des Familiengrabes gestanden hatte:
Anna Kurz. Geboren 1881, gestorben 1940.
Schau dir die Sterbeurkunde an.
Du kannst sie umblättern.
Sie wurde
von einem Standesamt „Hartheim/Oberdonau“ ausgestellt.
Über den Ort und auch über das Datum
hat Ernst sich als Kind
und auch später nie Gedanken gemacht.
Wahrscheinlich hätte er nie mehr über seine Großmutter erfahren,
wenn er nicht 2021 – da war er schon 80 –
einen Vortrag besucht hätte.
Einen Vortrag,
bei dem der Ort „Hartheim“ eine erschreckende Rolle spielte:
Hartheim, ein ehemaliges Schloss in der Nähe von Linz,
in dem im Nationalsozialismus tausende Menschen
mit psychischen Krankheiten
und geistigen und körperlichen Behinderungen vergast wurden!
Nun wollte er wissen,
was mit seiner Großmutter geschehen ist
und hat gemeinsam mit seiner Tochter Sonja
angefangen zu recherchieren.
Blättere nun noch einmal um.
Sie haben im Bundesarchiv in Berlin nachgefragt.
Und tatsächlich:
Es gibt dort eine Akte von Anna Kurz
aus der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach!
Sie war also Patientin
in dieser psychiatrischen Einrichtung gewesen!
Und vorher war sie schon
in der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen.
Auch von dort gibt es eine Patientenakte!
Die ist noch viel dicker
und für die beiden ein richtiger Schatz,
gefüllt mit vielen, vielen Blättern
aus der Krankengeschichte.
Dass es diese Akten noch gibt!
Dass das Leben seiner eigenen Großmutter,
über das bis dahin niemand gesprochen hat,
am wenigsten seine Mutter,
so umfangreich dokumentiert ist
und sich nun vor ihnen aufblättert!
Natürlich wissen wir nicht alles über Anna,
aber das, was wir wissen,
ist es wert, erzählt zu werden in diesem Koffer:
Das Leben der Anna Kurz.
Blättere jetzt noch einmal um.
Schau dich in Ruhe um.
Wenn du weiter in der Erzählung gehen möchtest,
drücke auf PLAY.
2. Kirschschachtel (1:02 Minuten)
Öffne die Schachtel mit den Kirschen.
An einem Sommer-Sonntag 1881 wird Anna
in die Bauernfamilie Weigel
in Großgründlach bei Nürnberg geboren.
Ihre drei Geschwister, die Eltern,
die Dorfgemeinschaft sind ihr soziales Netz.
Sie ist eher klein, ein fröhliches Kind,
mäßig in der Schule
und muss sicher von Anfang an viel
im Garten und auf dem Feld mitarbeiten.
Diese Arbeit mit Erde und Pflanzen
wird sie ihr ganzes Leben begleiten.
Als sie ungefähr 18 ist,
tritt das erste Mal ihre manisch-depressive Erkrankung auf,
wie das bei dieser Krankheit oft ist.
Aber die Phasen, in denen sie extrem energiegeladen,
unruhig und eventuell auch aggressiv ist,
sind noch ganz gut handlebar.
Drücke auf PLAY,
wenn du bereit bist für das nächste Objekt.
3. Flasche (1:48 Minuten)
Nimm die Flasche und sieh sie dir in Ruhe an.
Anna ist eine Person der Extreme.
Das wird immer deutlicher.
Mit 22 lernt sie beim Milchaustragen im Dorf Schnepfenreuth
den Schuhmacher Konrad Kurz kennen.
Sie vernarrt sich in ihn.
Beginnt mit ihm ein „Liebschaft“, wie man damals sagt.
Aber ihre Eltern wollen ihr die Beziehung verbieten
und deshalb stürzt sie sich in den Ludwigs-Kanal,
der bei Großgründlach verläuft,
dort, wo heute die A73 ist.
Ein Selbstmordversuch.
Sie wird gerettet.
Offensichtlich geben die Eltern nach,
denn am 26. Dezember 1903
heiraten Konrad und Anna,
die zu dem Zeitpunkt bereits schwanger ist.
Das Hochzeitsfoto kennst du ja schon.
Das junge Paar zieht in das Nachbardorf Lohe um,
im Sommer 1904 bekommen sie eine Tochter:
Helene, Ernsts Mutter.
Die kennst du auch schon von den Fotos.
Zwei Jahre später kommt noch ein Sohn: Adolf.
Aber ihre Lebensumstände
sind mehr als schwierig.
Vor allem: Konrad ist alkoholkrank.
„Die Ehe sei nicht glücklich, der Mann
sorge nicht für seine Frau, arbeite nichts,
habe seine Frau oft misshandelt“,
berichtet Annas Schwester später den Ärzten.
Wahrscheinlich sind diese furchtbaren Verhältnisse
auch ein Auslöser für das, was dann kommt.
Leg die Flasche zurück auf ihren Platz.
Wenn du bereit bist, drücke auf PLAY.
4. Spieluhr (1:36 Minuten)
Siehst du die Spieluhr?
Dreh an der Kurbel.
Mal langsam, mal schnell.
Als die Kinder 5 und 2 Jahre alt sind,
tritt Annas Krankheit extrem hervor.
Sie ist manchmal übertrieben lustig oder wütend
und schmeißt mit Porzellan, Gläsern, allem Möglichen.
Als es zu Streitereien mit den Nachbarn kommt,
geht Konrad mit ihr zum Arzt.
Es folgt die Aufnahme
in die Heil- und Pflegeanstalt Erlangen,
eine Einrichtung für psychisch Kranke.
Anna halluziniert, hört Stimmen, weiß oft nicht,
wo sie ist oder wie sie in die Anstalt kam.
Ihr Zustand wird als
„manisch-melancholisches Irresein“ diagnostiziert.
Es wird notiert, die Patientin „springt, singt,
lacht, schimpft und flucht in buntem Wechsel,
wird auch aggressiv.
Jeden, der sich ihr nähert,
lädt sie auf die Kirchweih.“
Anna erhält Beruhigungsmittel.
Gut ein Jahr bleibt sie in der Anstalt.
Es ist ein Auf und Ab.
Manische, energiegeladene Phasen
wechseln sich mit depressiven Phasen ab.
Dies wiederholt sich
bei einem weiteren Aufenthalt vier Jahre später.
Um in Annas Geschichte weiter zu gehen,
drücke auf PLAY.
5. Brief (1:51 Minuten)
Nimm den Briefumschlag in die Hand.
Während der Zeit in der Klinik
schreibt Anna viele Briefe an ihre Verwandten.
Diese kommen aber nie an.
Sie werden einbehalten und mit der Notiz
„Nicht zum Verschicken geeignet“ in der Akte abgelegt.
Sie sind manchmal wirr,
enthalten aber auch Sätze wie:
„... und hoffe alle Tage, sie sollen mich entlassen,
denn es gefällt mir gar nicht da und ich sehne mich
nach dir und nach meinen Kindern“.
Nimm den blauen Brief aus dem Umschlag heraus.
Aus Sorge um Helene und Adolf schreibt Anna
auch an den Bürgermeister ihres Heimatortes:
„Ich möchte Ihnen bitten,
Sie möchten meine Kinder ins Waisenhaus verbringen,
denn sie sind den ganzen Tag allein
und haben wahrscheinlich nichts zu essen.
Denn ich weiß, ihr Vater sorgt nicht für sie,
denn er wird keine Arbeit haben.“
Nimm jetzt den gelben Brief aus dem Umschlag heraus.
Der bedrückendste Brief,
der Anna vermutlich auch nie erreicht hat,
ist wohl der, den du gerade in der Hand hältst.
Er ist von Helene –
in kindlicher Sütterlinschrift mit Bleistift geschrieben:
„Liebe Mutter - - - Teile Dir mit,
daß wir alle Tag alleine sind“ schreibt sie.
„Ich und mein Adolf kreinen alle Tage,
komm bald.“
Wenn du soweit bist,
stecke die Briefe wieder in den Umschlag
und lege ihn zurück auf seinen Platz.
Drücke auf PLAY.
6. Tasse (1:27 Minuten)
Nimm jetzt die Tasse in die Hand.
Und Anna kommt bald.
Nach ihrem ersten Anstaltsaufenthalt
schafft sie es,
4 Jahre lang ohne bekannten Rückfall
für Haus und Kinder zu sorgen.
Trotz der weiterhin
katastrophalen häuslichen Zustände mit Konrad.
1914 führen schwere Depressionen und Selbstmordgedanken
erneut zu einem Klinikaufenthalt.
Aber Anna kann schon einen Monat später
wieder entlassen werden.
Wahrscheinlich ist es ein Segen für sie,
dass Konrad kurz darauf in den 1. Weltkrieg eingezogen wird.
Fast 5 Jahre lebt Anna mit ihren Kindern zuhause,
ohne dass sich ihr Gesundheitszustand wieder verschlechtert.
Mit Garten- und Feldarbeit
bringt sie die Familie durch die schweren Kriegsjahre.
Das mühsam gekittete Leben
zerbricht innerhalb von 6 Wochen,
als 1919 Konrad aus dem Krieg heimkehrt
und wieder in ihr Leben tritt.
Anna wehrt sich gegen erneute Misshandlungen
und sexuelle Übergriffe von ihm.
Die Situation verschlimmert sich so weit,
dass Anna erneut in die Anstalt muss.
Nachbarn sagen später aus, dass
„der Kurz seine Frau so schlecht behandelt hat,
um von ihr los zu werden.“
Leg die Tasse zurück auf ihren Platz und drücke auf PLAY.
7. Koffer (2:05 Minuten)
Nimm jetzt den kleinen Koffer.
Konrad nutzt die psychische Erkrankung von Anna
für ein Scheidungsgesuch.
Es wird gemunkelt,
dass er ein „24jähriges Fräulein“
als Haushälterin bei sich aufnimmt,
die eigene Tochter dafür rausschmeißen möchte.
Nachbarn berichten, er hätte gesagt
„dass er seine Frau nicht mehr in seine Wohnung lasse,
auch wenn sie wieder gesund würde.“
Obwohl es Anna nach ein paar Monaten deutlich besser geht,
ist deshalb eine Entlassung nach Hause nicht möglich.
1921 geht die Scheidung durch.
Damit ist Konrad Anna gegenüber
nicht mehr unterhaltspflichtig.
Und Anna verliert ihr Zuhause endgültig.
Die 16jährige Helene zieht daraufhin aus,
bricht den Kontakt zu dem Vater ab
und baut sich in Nürnberg ein eigenes Leben auf.
Adolf bleibt beim Vater zurück.
Konrad Kurz heiratet in den folgenden Jahren noch zweimal
und verstirbt 1937 infolge eines Unfalls.
Mach den kleinen Koffer auf.
Dieses Foto von Anna
ist in den Jahren danach entstanden.
Der fortschrittliche Psychiater Gustav Kolb
ist davon überzeugt, dass Anna
unter „günstigen Familienverhältnissen“
auch außerhalb der Anstalt leben könne.
Sein Prinzip der „Offenen Fürsorge“
macht es ihr möglich,
dass sie in den nächsten sechs Jahren
erst bei ihrer Schwester Babette und später
in einer Gärtnerei leben kann
und nach ihren Möglichkeiten mitarbeitet.
Ihre Bezugspersonen gehen wohlwollend mit ihr um.
Das hilft Anna, ein Leben
fast ohne psychische Einschränkungen zu führen.
Leg den Koffer wieder zurück
und nimm nun das gestrickte Bündel.
Sieh dir die Dinge in Ruhe an.
Wenn du soweit bist – drücke auf PLAY.
8. Dokumente im Strickstück (1:55 Minuten)
Dennoch häufen sich 1927
die sogenannten „Erregungszustände“
von Anna wieder soweit,
dass sie erneut in eine Anstalt eingewiesen wird –
nun nicht nach Erlangen, sondern
– vermutlich wegen Überfüllung –
in die zweite mittelfränkische Heil- und Pflegeanstalt Ansbach.
Nun ist Anna sehr viel weiter
von der Heimat und ihren Angehörigen entfernt.
Am 16. August schließt sich das Tor
der Ansbacher Anstalt hinter ihr.
Erst 13 Jahre später, kurz vor ihrem Tod,
wird sie es erneut passieren.
Die 23jährige Tochter Helene
ist nun ihre gesetzliche Vertreterin
– und hat jetzt die gesamte Verantwortung
für die 46jährige Mutter.
Bei der Aufnahmeuntersuchung
wird Anna fotografiert.
Wie wirkt sie auf dich,
wie sie da so auf der Bank sitzt?
Es ist das dritte und letzte Foto, das von ihr existiert.
Ihre Erkrankung wird in Ansbach
mit Dauerbädern und Beruhigungsmitteln behandelt,
sie „muss dann im Bett gehalten werden“
heißt es in der Krankengeschichte.
In guten Phasen arbeitet sie in der Gartenabteilung
und in der Anlagenpflege „ganz brauchbar mit“.
Die guten Phasen werden immer weniger.
1930 heißt es:
„Die Zeiten,
in denen die Kranke unruhig ist, schimpft, umherläuft,
überwiegen die Zeiten, in denen sie verhältnismäßig ruhig ist
und sich mit Stricken beschäftigt.“
Eine Entlassung steht nicht mehr zur Diskussion.
Auf der Postkarte liest du,
welche Möglichkeit Annas Schwester Babette blieb,
an deren Leben Anteil zu nehmen.
Und du liest auch, dass Hitler nun an der Macht ist.
Wenn du soweit bist,
leg das Strickstück zurück und drücke auf PLAY.
9. Fleckzupfen (1:58 Minuten)
Nimm jetzt den Stoffflicken.
Aus dem Gärtnern und dem Stricken
wird in den nächsten 10 Jahren das Fleckzupfen.
Fleckzupfen ist mehr Beschäftigung als Arbeit.
Kleine Stoffreste werden in ihre einzelnen Fäden „zerzupft“.
Annas Krankenakte
endet am 3. Dezember 1940 mit dem Eintrag:
„Wird heute in unverändertem Zustand
im Auftrag des Reichsverteidigungskommissars
in eine bisher unbekannte Anstalt überführt.“
Gleichzeitig findet sich in der Patientenakte
auch ein auf den ersten Blick
unscheinbarer Zettel, der nur
mit dem zugehörigen Formular verständlich wird.
Siehst du auf der Landkarte Ansbach?
Zieh dort an der Lasche
und nimm den Meldebogen in die Hand.
Mit diesen Meldebögen sammelte
die Krankenmord-Zentrale der Nazis
in Berlin Informationen.
Diese wenigen Informationen
entschieden über Leben oder Tod.
Dies ist Annas Meldebogen.
Mehrere Angaben darauf sind verhängnisvoll für sie:
die wenigen Angehörigenbesuche,
die Diagnose, die bei Anna als „Schizophrenie“ angegeben wird,
die angebliche Unheilbarkeit der Krankheit,
die hier als „Endzustand“ bezeichnet wird
und die Arbeitsunfähigkeit –
„Lässt sich nur hin und wieder mit Fleckzupfen beschäftigen“.
Damit gilt sie für die Nazis als „nicht lebenswert“.
Und vor allem:
Annas Pflegekosten werden vom Staat getragen.
Das wollen die Nazis nicht mehr finanzieren.
Schau dir den Bogen in Ruhe an,
leg danach Stoffflicken und Meldebogen
wieder zurück an ihren Platz und drücke auf PLAY.
10. Schneeschachtel (0:48 Minuten)
Öffne die Schachtel mit den Schneeflocken.
Am 3. Dezember 1940 – im Morgengrauen –
werden in der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach
69 Frauen und 70 Männer in Busse gesetzt.
Diese bringen sie zum Ansbacher Bahnhof,
an dem sie an fremde Pflegekräfte übergeben werden.
Im Zug geht es nach Linz
und von dort nochmal mit dem Bus
direkt in die Tötungsanstalt Hartheim.
Sie wurde im dortigen Renaissanceschloss
eingerichtet.
– Das ist also die
„bisher unbekannte Anstalt“ aus der Krankenakte.
Nimm das Foto am roten Faden in die Hand.
Wenn du bereit bist, drücke auf PLAY.
11. Foto Hartheim (1:23 Minuten)
Schloss Hartheim scheint heute ein friedlicher Ort zu sein.
Nimm jetzt das Fernrohr und schaue hindurch.
Dieses Foto wurde ungefähr
zum Zeitpunkt von Annas Tod
von einem Nachbarn gemacht.
Das Gebäude im Hintergrund
ist Schloss Hartheim.
Der Rauch kommt aus dem Schlot der Krematoriumsöfen –
das war für alle aus der Umgebung zu sehen
und auch zu riechen.
Heute wird davon ausgegangen,
dass alle Deportierten kurz nach ihrer Ankunft
in der Gaskammer ermordet und anschließend
im Krematorium verbrannt wurden.
In Hartheim wurden zwischen 1940 und 1944
fast 30.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen
und geistigen und körperlichen Behinderungen ermordet,
davon allein aus den Anstalten in Erlangen und Ansbach 1.125.
Eine von ihnen war Anna.
Nimm dir die Zeit, die du brauchst.
Du kannst dir alle Dinge noch einmal anschauen.
Wenn du soweit bist, drücke auf PLAY.
12. Aktendeckel II (0:15 Minuten)
Lege nun alles zurück auf seinen Platz,
mach die Schachteln wieder zu
und blättere die Ebene mit der Karte wieder herunter,
sodass du wieder die Aktendeckel siehst.
Wenn Du bereit bist, drücke auf PLAY.
13. Ende (5:23 Minuten)
Das war die Geschichte von Anna Kurz.
Alles, was wir über sie wissen,
wissen wir aus diesen Akten.
Blättere die nächste Ebene nach unten um.
Das Hochzeitsfoto und die Sterbeurkunde –
sicher schaust du jetzt auch
ganz anders auf die beiden Dokumente.
Auf der Sterbemitteilung sind fast alle Angaben erlogen:
die Todesursache „Herzschlag“,
das Todesdatum
und sogar der unterzeichnende Standesbeamte.
Wir wissen nun:
An Herzschlag ist Anna nicht gestorben.
Als Todesdatum
steht der 18. Dezember 1940 auf der Urkunde.
Auch das stimmt nicht,
man hat das Datum nach hinten geschoben,
um noch für weitere 15 Tage
Pflegekostengelder verrechnen zu können.
Der eigentliche Todestag
war sehr wahrscheinlich der 3. Dezember 1940.
Und einen Herrn „Staud“ gab es nicht.
Unterschrieben hat mit falschem Namen
der österreichische Polizeibeamte Franz Paul Stangl,
der Verwaltungsleiter der Tötungsanstalt Hartheim.
Später wurde er Lagerkommandant
in den Vernichtungslagern Sobibor und Treblinka.
Blättere die nächste Ebene nach unten.
Wie andere Angehörige erhält Helene mit der Sterbeurkunde
auch ein standardisiertes Begleitschreiben.
Darin steht, dass Anna als „Kriegsmaßnahme“
in eine andere „Anstalt“ verlegt wurde.
Dass sie, angeblich plötzlich, um 4 Uhr 35
an „Herzschlag“ verstorben sei.
Dass aus hygienischen Gründen
die Leiche bereits eingeäschert
und der Nachlass desinfiziert worden sei.
Ihr wird vorgeschlagen,
auf den Nachlass zu verzichten, weil das Nachsenden
„mehr Zeit und Kosten verursacht, als der Nachlass wert ist“.
Es wird ihr auch angeboten,
eine Urne zu übersenden, um sie beizusetzen.
Helene beantragt die Überführung der Urne
und lässt sie im Familiengrab ihrer Schwiegereltern
auf dem Nürnberger Südfriedhof beisetzen.
Wahrscheinlich stehen ihre beiden kleinen Mädchen
neben ihr und sie ist schwanger:
Ernst
wird im Mai 1941 geboren.
Ihr Mann
ist im Krieg und wird im Herbst desselben Jahres
an der Front im Osten fallen.
Die Sterbeurkunde und das Hochzeitsfoto ihrer Mutter
bewahrt sie in ihrem Koffer auf.
Die Geschichte ihrer Mutter
bewahrt sie in ihrem Herzen.
Mit ihren Kindern spricht sie darüber nie.
Blättere die letzte Ebene nach unten um.
Hier siehst du wieder Ernst, Anfang Januar 2026.
Ernst Bayerlein:
„Es wurde nie in der Familie drüber gesprochen.
Und da hat man sich die Bilder schon immer angeschaut.
Aber meine Mutter hat nie...
sie hat kein Wort verloren über ihre Mutter.
Und auch die Verwandtschaft, die in Nürnberg war,
die haben kein Wort über diese Anna Kurz verloren.
Kein Wort. Warum? Ich weiß es nicht.
Aber man kann wirklich nur als Lehre daraus ziehen:
Wie kann sowas sein,
wie können Menschen zu Menschen so schlimm sein?
Und die Ideologie die dahintersteht!
Und in Hartheim wird aufgezeigt,
was ein kranker Mensch kostet,
was der der Gemeinschaft gekostet hat
– ein rein finanzieller Aspekt.
Das ist immer wieder eine Diskussion
– und gerade jetzt wieder:
„Sozialstaat: Kann man sich das so leisten weiterhin?“
Aber darüber muss stehen:
Die Würde des Menschen!
Dass die Würde des Menschen erhalten bleiben muss,
darüber kann man nicht diskutieren,
das dürfen wir uns nicht anmaßen:
„Unwertes Leben“ hat es damals geheißen
– soweit darf es nicht kommen.
Das haben wir hinter uns!“
Schließe jetzt den Koffer.
Ernst Bayerlein
wird den Koffer weitervererben.
Und auch seine Tochter Sonja,
die all die Akten gesammelt und geordnet hat,
wird den Koffer weitervererben.
Sie werden
die Geschichte ihrer Oma und Ur-Oma weitererzählen.
Über Anna Kurz
soll ab jetzt gesprochen werden.